Wie du dich und andere durch Worte verletzen kannst

Warum wir manchmal Dinge sagen, die wir eigentlich gar nicht sagen wollen

Frau mit gespannten Bogen
Worte treffen nicht immer ins Herz, sondern verletzen auch schon einmal die Seele

Wie ist es möglich, andere durch Worte zu verletzen?

Manchmal ist es für uns gar nicht so einfach zu sagen, was wir wirklich fühlen und empfinden.

Wir könnten uns lächerlich machen und auf Unverständnis stoßen. Indem wir uns einem anderen öffnen und anvertrauen, machen wir uns angreifbar und zeigen uns von unserer verletzlichen Seite. Wir geben Schwäche preis, obwohl wir gegenüber anderen doch stark erscheinen wollen.

Besonders problematisch wird es wenn Gefühle im Spiel sind.

The work von Katie Byron: Lass negative Gedanken einfach los

Achtung, Gefühle!

Gefühle eines anderen werden besonders häufig verletzt, wenn wir selbst welche für ihn empfinden, sie aus welchen Gründen aber immer (glauben) nicht zulassen (zu) können.

Unserem Herz zu folgen birgt die Gefahr es verletzt zu bekommen oder vermeintlich das Herz eines anderen zu brechen.

So geschieht es, dass wir Dinge sagen, die wir weder denken noch wirklich fühlen.

Dabei reicht die Bandbreite dessen was wir sagen von einer Abschwächung unserer Empfindungen bis hin zum genauen Gegenteil dessen, was in uns vorgeht.

Beispiel gefällig? Einem Menschen, der uns wirklich etwas bedeutet sagen wir, dass wir ihn „nett“ oder sympathisch finden.

Nun ja. Solange wir nicht wirklich sicher sein können, dass er unsere Gefühle erwidert, ist das sicher eine Option. Andernfalls ist das bestimmt nicht der richtige Weg.

Wir sagen „Lass mich in Ruhe“ und wollen damit eigentlich ausdrücken „Ich brauch dich gerade jetzt so dringend wie noch nie.“ Ein ausgesprochenes „Geh weg.“ meint „Nimm mich doch bitte in den Arm und halt mich einfach fest. „Alles ist gut“ bedeutet „Nichts ist gut. Ich hab das Gefühl gerade den Boden unter den Füßen zu verlieren“

„Ich hasse Dich“ heißt frei übersetzt „Warum kannst Du mich bloß nicht verstehen?“ „Wieso lässt Du mich (emotional) so leiden?“

Die meistverbreitete Lüge ist allerdings „Mir geht es gut“. Selbst wenn es uns „beschissen“ geht, behaupten wir häufig das genaue Gegenteil. Wir tun es oft nur um keine Schwäche preisgeben zu müssen. Zudem haben wir ja gelernt, dass man nicht jammern und wehklagen soll, um andere nicht herunterzuziehen.

Nun, es macht hier natürlich einen bedeutenden Unterschied, wer uns eine solche Frage stellt. Und wenn wir einem wahren Freund sagen, dass es uns gut geht, wenn es uns in Wahrheit zum heulen ist, sollten wir uns selbst einmal die Frage stellen, ob es sich wirklich um einen Freund handelt.

Ein Freund ist ja bekanntlich der Mensch, vor dem wir nicht nur laut denken dürfen, sondern auch sagen sollten, was wirklich in uns vorgeht.

Wenn ihn das nicht berührt, ist er entweder kein Freund oder ein emotionaler Trottel. Bei einem Hund können wir übrigens sicher sein, dass er uns versteht!

Der spürt instinktiv, wenn es uns nicht gut geht.

Wir verletzen andere nicht ohne Grund

Wenn wir Menschen Dinge sagen, die wir so nicht oder in Wahrheit sogar ganz anders meinen, gibt es dafür Gründe.
Problematisch wird unser Verhalten, wenn wir durch unsere unbedachten „unehrlichen“ und häufig impulsiven Worte die Gefühle uns naherstehender Menschen verletzen.

Das muß nicht zwangsläufig die wahre Liebe  unseres Lebens sein. Es können genauso gut unsere Eltern, Verwandte, unser Partner, unsere Kinder, liebe Freunde, enge Vertraute oder auch gute Kollegen sein. Je näher uns der Mensch allerdings steht, je mehr er uns und wir ihm ans Herz gewachsen sind, je bedeutender wir füreinander sind, desto größer ist die schmerzhafte Wirkung die wir mit unseren Worte erzielen.

Soweit so gut diese Einsicht. Stellt sich jetzt nur die spannende Frage, warum wir es dennoch tun?

Es gibt grundsätzlich zwei unterschiedliche Motive zu unterscheiden. Nämlich
1. Vorsatz
2. Fahrlässigkeit

Den möglichen dritten, nämlich vollständige emotionale und soziale Inkompetenz lassen wir an der Stelle mal beiseite. Es gibt leider auch Menschen, bei denen metaphorisch gesprochen einfach Hopfen und Malz verloren ist. Als Besucher dieser Seite zähle ich dich nicht zu dieser Kategorie.

Der Unterschied der beiden anderen Gründe ist einfach zu erklären. Im ersten Fall wollen wir den anderen verletzen, weil es aus unserer Sicht einen Grund gibt, dass er Schmerz fühlen soll. Wir handeln gewissermaßen im Affekt nach der Devise „Auge um Auge- Zahn um Zahn“.

Wir wollen uns von der uns beherrschenden Emotion der Wut, des Zorns, oder schlimmstenfalls des Hasses schnellstmöglich befreien.

Im zweiten Fall sind wir uns zumindest im Moment der „Tatausführung“ über die Wirkung unserer Worte nicht im Klaren. Der emotionale Schmerz, den wir unseren Mitmenschen zufügen, ist uns nicht wirklich bewusst, sondern wird es uns erst durch seine Reaktion.

Früher oder später werden wir uns (hoffentlich!) dessen bewusst, was wir da „angerichtet“ haben. Die Bandbreite der möglichen Empfindungen reicht von einfachem Bedauern, über Scham bis hin zu Fassungslosigkeit über das was man da „von sich gegeben hat“. Oft, aber nicht nur in Befürchtung über die möglichen Folgen unseres Tuns stellt sich jetzt auch bei uns der Schmerz ein.

Warum habe ich (Esel, Idiot, Depp) das nur getan? Was habe ich mit meinen Worten an Vertrauen, Wertschätzung und Sympathie unter Umständen zerstört?

Selbstmitleid hilft uns an dieser Stelle allerdings nicht sehr viel weiter.

Nach der Erkenntnis „Worte sind wie Pfeile. Einmal abgeschossen holst Du sie nicht mehr zurück“ ist es ein unmögliches Unterfangen, einmal Gesagtes ungesagt zu machen. Es geht im Grunde genommen um so etwas wie Schadensbegrenzung.

Jetzt gehört eine gewisse Reife und persönliche Stärke dazu, sich nicht nur zu entschuldigen, sondern auch unter Beweis zu stellen, dass man seine Worte wirklich bereut.

Obwohl die beiden vorgenannten Motive  auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, liegt ihnen exakt die gleiche Ursache zugrunde.

Der wahre Grund für verletzende Worte ist Angst

Der eigentliche Beweggrund für solche Worte ist eine ungeheilte kindliche Wunde namens Angst.

Die Macht der Angst

Das Ergebnis dieser Angstbewältigungsstrategie ist allerdings, dass der bereits in uns vorhandene Schmerz durch unser Verhalten nur noch größer und nicht kleiner wird.

Was geht hier eigentlich vor? Bei der beschriebenen Angst, die die eigentliche Ursache für ein solches Verhalten ist, handelt es sich um Verlustangst.

Mit ihr geht häufig ein Mangel an Selbstliebe einher, die es uns nicht möglich macht, unsere wahren Empfindungen auf natürliche Art und Weise zum Ausdruck zu bringen.

Bitte halt mich fest, bevor ich mich selber verliere

Wir verletzen den anderen und in Wahrheit uns selbst noch sehr viel mehr aufgrund nichtverarbeiteter, verletzter oder verdrängter Gefühle.

Es ist das Kind in uns, dass mit seiner Angst irgendwann einmal allein gelassen wurde und nicht den Mut aufbrachte zu sagen: „Bitte, liebe mich! Halte mich fest. Ich habe Angst.“

Noch schlimmer geht es eigentlich nur, wenn wir diesen Satz als Schwäche ausgelegt bekamen und fortan unsere Ängste dadurch zu bewältigen versuchten, dass wir sie einfach verdrängten.

Zu groß ist unsere Befürchtung, unsere Gefühle (die wir uns selber nicht eingestehen wollen oder können) könnten mißverstanden oder nicht erwidert werden. Vielleicht fühlen wir uns dieser Gefühle auch nicht wert.

Das ist dann der Fall, wenn wir den Wert nicht in uns selbst erkennen und ihn durch die Wertschätzung anderer zu erfahren hoffen.

Die Situation hat etwas Bizarres an sich. Eigentlich wollen wir den von uns geschätzten Menschen gar nicht verletzen, doch das Kind in uns schreit, tobt, wütet und sagt Dinge, die es gar nicht so meint, geschweige denn wirklich fühlt.

Im Grunde genommen sind unsere Äußerungen ein Schrei nach Liebe, die wir uns selbst nicht geben können.

Glück: So einfach ist es glücklich zu werden

Wir verletzen also im Kern aus einem Mangel an Selbstliebe, die wir hinter einer Fassade aus Ignoranz, Gleichgültigkeit, Stärke und Überlegenheit verbergen wollen.

Das ist nur sehr schwer begreifbar, aber eine durchaus menschliche Verhaltensweise, die von einem zutiefst verletzten inneren Kind zeugt.

Diese Verhaltensweise vermag unsere Beziehungen zu für uns wirklich wichtige Menschen nachhaltig beeinträchtigen.

Nicht jeder verfügt neben dem notwendigen Maß an Empathie und Verständnis auch über das notwendige Wissen, um zu erkennen, was der Grund für unser Verhalten ist. Nicht jeder erkennt hinter Ablehnung Selbstablehnung.

Jeder Mensch ist mehr als die Summe seiner Eigenschaften. Durch unser Verhalten anderen gegenüber drücken wir immer auch sehr viel über unsere wahren Empfindungen für uns selbst aus.

Da stellt sich die spannende Frage, wie ein uns wirklich liebender Mensch mit dieser Situation umgehen soll. Wahre Liebe ist ja bekanntlich dadurch gekennzeichnet, einen Anderen zu akzeptieren wie er ist, ohne ihn verändern zu wollen.

Die Macht der Angst

Im konkreten Fall sehe ich das etwas anders. Liebe ist auch dem anderen zu seinem vollen Potential zu verhelfen, dass in ihm verborgen liegt. Das kann uns erst gelingen, wenn wir uns unseren Schattenthemen stellen, sie nicht verdrängen oder uns selbst selbst schönreden.

Uns die dazu notwendigen Impulse zu geben, uns einen Spiegel vorzuhalten,  in dem wir uns hoffentlich selbst zu erkennen vermögen, muß legitim sein.

Für viele Menschen ist das allerdings nicht nur ein extrem herausforderndes, sondern auf Dauer auch so gut wie unmögliches Unterfangen.

Bei einem Menschen, der wiederkehrend Dinge sagt, die er eigentlich gar nicht so meint wie er sie sagt, ist es irgend wann schwierig bis unmöglich zu beurteilen, wie er denn wirklich tickt.

In  gewisser Weise begeht er ja so etwas wie Selbstverleumdung.

Dazu kommt, dass wir Gefahr laufen ein Opfer unserer Projektion werden, mit der wir in anderen Menschen das zu erkennen glauben, was in Wirklichkeit ein Teil unserer eigenen Persönlichkeit ist.

Erst wenn wir als Mensch wirklich bereit und in der Lage sind, uns mit unseren unverarbeiteten Kindheitsthemen auseinanderzusetzen kann die Entwicklung in uns stattfinden, die uns zur Selbstliebe und auch zur „Nächstenliebe“ befähigt.

Selbstliebe: Warum sie das Wichtigste auf der Welt ist

Eine klassische Situation in der Verletzungen durch unbedachte oder anders gemeinte Worte gewissermaßen zur Tagesordnung zählen sind übrigens sogenannte Dualseelenbegegnungen, in denen sich Verstandes- und Herzmensch ihre unbewältigten Schattenthemen spiegeln.

Mehr über eine solche Begegnung erfährst Du im Beitrag „Dualseele begegnet ihrem Seelenpartner und lernt zu lieben